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Gschichten vom Hüttenwirt

9. August 2014 Wieder mal Bergrettung am Königsjodler

Noch am Samstag Nachmittag schien es ein ruhiger Abend zu werden. Alle  

angemeldeten Gruppen waren schon auf der Hütte. 
Insgesamt hatten wir keine 50 Gäste. Für einen Samstag im August ungewöhnlich wenig Übernachtungen. Der Wetterbericht hatte für Vormittag noch Sonne angekündigt und für den Nachmittag dann Regen und einzelne Gewitter. 
Alle waren in der Hütte, das Gewitter konnte ruhig kommen.
 
Ziemlich zum Schluss kamen noch 3 Spanier aus dem Klettersteig. Angeblich hatten sie hinter sich noch ein paar Leute gesehen. Wir konnten aber mit dem Fernglas nichts sehen, denn schön langsam zog es zu.
 
Gegen halb fünf brach auch das Gewitter los. Wir waren gerade in den letzten Vorbereitungen für das Abendessen als das Telefon läutet. Dran ist Christoph, der Bergrettungschef von Dienten. Sie haben einen Notruf aus dem Königsjodler. Es soll eine Gruppe im oberen Drittel vom Königsjodler festsitzen. 
Sie machen sich schon auf den Weg aber unten tobt das Gewitter ziemlich heftig und sie wissen nicht, ob sie bei diesen Verhältnissen bis zu der Gruppe durchkommen. Ob ich mehr weiß.
Bei so einem Wetter durch das Birgkar aufsteigen ist ein Himmelfahrtskommando. Sämtliches Wasser sammelt sich da drinnen und nimmt den ganzen losen Schotter  und das Geröll mit.  Und bei Gewitter über den Königsjodler aufsteigen? Mindestens genauso tollkühn.
Was soll ich jetzt machen? Freiwillig gehe ich bei Gewitter normalerweise nicht vor die Haustüre, aber andererseits ist es für die Bergrettung noch riskanter als für mich.
 
Bis ich meine ganzen Sachen gepackt habe und die nötigste Ausrüstung für diese Gruppe zusammen gesucht habe könnte sich das gröbste Unwetter schon verzogen haben. Auf jeden Fall ist es für mich weniger riskant als für die Bergrettung, die wenn überhaupt frühestens in der Dunkelheit bei den Festsitzenden ankommen kann.
Fragend schaue ich Jeni meine Frau an  und die sagt nur: „Mach dir keine Sorgen – wir kommen mit dem Abendessen schon ohne dich zurecht.“
Natürlich macht sie sich Sorgen wenn ich jetzt raus gehe, aber sie weiß auch das mir solche Sätze wie  „sei vorsichtig, pass auf, gehe kein unnötiges Risiko ein überhaupt nicht weiter helfen. 
Kurz vor dem Abendessen verlasse ich die Hütte. Da ich nicht weiß, wo es bei den Leuten fehlt, habe ich mal die üblicherweise fehlenden Dinge dabei.
Mütze und Handschuhe. Anscheinend glauben alle August ist Sommer und diese Dinge braucht man nur im Winter. Biwaksack, Getränke und Glykogen haltige Trinkampullen.
Natürlich noch Verbandszeug und meine persönliche Ausrüstung.
Und noch ein paar Stirnlampen, falls es dunkel wird und die Leute kein Licht dabei haben. Alles in allem habe ich einen Rucksack dabei wie auf Expedition.
„Wer schleppt wie ein Esel ist vielleicht auch einer!“ An dem Satz mag etwas Wahres dran sein.
Über der erste Rinne beim Abstieg schießt schon ein richtiger Bach hinunter. Wie mag es da erst im Birgkar aussehen?
Ein paar Minuten hinterm Matrashaus liegt ein Strang vom Blitzableiter quer über den Weg. Jedesmal wenn ich bei Gewitter da drüber muss habe ich ein mulmiges Gefühl, und nehme mir vor den Blitzableiter bei nächster Gelegenheit einzugraben. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber wenn der Blitz einschlägt helfen 10 cm Geröll auch nicht mehr!
In der Eile habe ich vergessen meine beiden Hörgeräte heraus zu nehmen. Durch die hohe statische Aufladung in der Luft pfeifen die wie verrückt. Das trägt auch nicht zu meiner  Beruhigung bei. 
Als ich drüben am Ausstieg vom Königsjodler ankomme nehme ich zuerst Kontakt mit der Einsatzleitung der Bergrettung in Dienten auf. 
  am Hohen Kopf
 
Seit der Geschichte mit der toten Renate habe ich ein Bergrettungs Funkgerät am Matrashaus. Das ist jetzt Gold wert.
Wie ich erfahre, tobt sich unten im Tal das Gewitter aus, die Bergrettung ist auf halbem Weg zur Hohen Scharte und momentan schaut es nicht so aus, als ob sie die Gruppe rechtzeitig vor Einbruch der Nacht erreichen könnten.
Mir wird wohl nix anderes übrig bleiben als über den Klettersteig abzusteigen um irgendwie Kontakt mit der Gruppe aufzunehmen.
Soll ich mich beim Stahlseil einhängen und riskieren bei einem Blitzschlag getroffen zu werden, oder doch lieber ein Stück neben dem Stahlseil ohne Sicherung abklettern?
Ich hab die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Ich wähle einen Kompromiss. Wo es geht klettere ich ohne Sicherung ab und die steileren Stellen hantle ich mich möglichst schnell am Stahlseil hinunter. Immer wieder bleibe ich stehen und versuche Rufkontakt mit der Gruppe aufzunehmen. Ich bekomme aber keine Antwort.
ich treffe auf die ersten Slowaken aus der Gruppe
 
Auf einem flacheren Stück des Klettersteigs treffe ich auf drei Männer aus der Gruppe. Sie sprechen kein Deutsch und wir versuchen es auf Englisch.
Ich bekomme heraus, dass noch 4 Personen unter dem Kummetstein festsitzen. Eine davon, eine Frau könne nicht mehr selbstständig weiter. 
Ich funke nochmal mit der Bergrettungs Einsatzleitung um die Lage zu klären. Bei den gegenwärtigen Verhältnissen wird die Hilfe aus dem Tal, wenn überhaupt, so spät eintreffen, dass die Gruppe die Nacht auf dem Klettersteig überstehen muss. 
Die drei wollten in der Zwischenzeit schon weiter und ich musste sie erstmal einbremsen. Ich versuche heraus zu bekommen wo es bei den anderen vieren denn fehlt, und warum sie nicht weiter kommen. Ich habe Biwakausrüstung, Mützen, Handschuhe und Regenkleidung dabei. Sollen wir das runter bringen?
Nein sie wären gut ausgerüstet und hätten alles selbst mit dabei. Mit Seilunterstützung sollte es möglich sein sie rauf zu bekommen meinte einer der drei.
Ein anderer wollte sich nicht lange aufhalten und gleich weiter zum warmen Matrashaus, denn die Bergrettung ist eh schon alarmiert und kommt zu Hilfe.
Den Zahn hab ich ihm aber gleich wieder gezogen. Wir müssen zurück ins Matrashaus, zusätzliche Ausrüstung wie Seile und Karabiner holen, damit wir den vieren von oben zu Hilfe kommen können. Die Hilfe von unten durch die Bergrettung ist bei den gegenwärtigen Verhältnissen nicht sicher.
Inzwischen hat sich das Wetter hier oben beruhigt. Es regnet zwar noch aber das Donnergrollen ist nur noch von Ferne zu hören.
Beim Rückweg ins Matrashaus merke ich bald, dass bestenfalls einer von den dreien noch in der Lage sein wird  mitzuhelfen. Die anderen beiden sind offensichtlich fix und fertig.
 
In der Hütte frage ich bei den anwesenden Gästen, ob jemand dabei ist der bei einer Bergungsaktion mithelfen könnte. Derjenige muss sich aber auf dem Klettersteig  so sicher sein, dass er auch im Dunkeln bei diesen schlechten Verhältnissen noch jemand anderem helfen kann. Wenn nicht ist es besser gleich in der Hütte zu bleiben.
Zuerst meldet sich niemand, aber während ich noch die Ausrüstung zusammen suche haben sich doch noch drei Leute gefunden.
Dominik aus Österreich und die beiden Spanier Mikel und Eugenio.
Bis wir abmarschbereit sind, ist auch der erste der Slowaken am Matrashaus. 
Gemeinsam geht es wieder zurück zum Ausstieg des Königsjodlers. Inzwischen hat sich bei uns heroben das Wetter soweit beruhigt, das zumindest keine akute Gewittergefahr mehr besteht. Es wäre sogar genügend Sicht für einen Hubschrauber Einsatz, aber der sitzt noch unter der Wolkendecke im Tal fest.
Der Slowake, anscheinend der Führer dieser ganzen Gruppe, ist uns immer voraus gelaufen. Er hatte keinen Rucksack und kein Gepäck dabei, weil er einen Rucksack aus der zurück gebliebenen Gruppe nehmen wollte. 
Wir vier, Dominik, Mikel, Eugenio und ich sind dann zu viert über den Klettersteig abgestiegen.  
beim Abstieg über den Königsjodler
 
Bald sahen wir auch schon eine Gruppe Bergretter durch das Birgkar aufsteigen. Unglaublich wie sie bei diesem Wetter in so kurzer Zeit herauf gekommen sind.
 
Am Funk bekomme ich mit, wer da alles dabei ist. Mir ist gleich wesentlich wohler. 
Ohne Dominik, Mikel und Eugenio hätten wir zwar nie das ganze Material rüber zum Klettersteig schaffen können, aber ob wir vier eine richtige Bergungsaktion auf die Füße stellen können ist mehr als fraglich.
Ich komme als erster in die Nähe des „Einsatzortes“.  Die letzten 10 Meter kann ich aber nicht absteigen, denn 2 der restlichen Slowaken wollen unbedingt rauf und ich muss warten. Mir drängt sich ein Bild auf und das hat was mit einem sinkenden Schiff zu tun.
kurz vor dem "Einsatzort"
 
Unten stehen nur noch zwei Frauen. Augenscheinlich ist niemand verletzt und sie scheinen soweit wohlauf.
Ich packe heißen, gezuckerten Tee, Traubenzucker und die Trinkampullen aus.  Meine beiden Daunenjacken werden auch gerne angezogen.
 Ich muss zuerst fragen wer von den beiden denn jetzt nicht mehr aufsteigen kann, und erfahre eine der beiden, Anna sei unterkühlt und Alexandra die andere brauche ein paar Handschuhe weil sie so kalte Hände hat. 
Die Handschuhe die wir dabei haben sind aber ein Stück weiter oben bei Eugenio im Rucksack weil sie ja angeblich alles dabei hätten.
Der Regen hat aufgehört  und hinter dem Lammkopf zeigt sich ein Streifen Abendrot. Der Rettungshubschrauber Martin 1 hat es doch geschafft durch eine Lücke in der Wolkendecke zu stoßen.
Der Hubschrauber muss wieder abziehen
 
Wie ich am Funk mitbekomme ist unter diesen Umständen eine Seilbergung unmöglich. Er würde eine Crashbergung versuchen, aber dazu müssten wir die beiden Frauen auf den Grat hinauf bekommen.  Uns läuft die Zeit davon denn es wird dunkel und der Hubschrauber muss unverrichteter Dinge abfliegen.
Sonnenuntergang am Matrashaus
 
Am Matrashaus oben haben die Gäste einen wunderschönen Sonnenuntergang, während wir vier versuchen mit unseren Seilen eine provisorische Bergrettung aufzubauen.
 
 
Gottseidank  hat uns jetzt Bernd, einer der Bergretter erreicht. Ab jetzt können wir alles in professionelle Hände abgeben. Zuerst wird Alexandra mit dem Seil über die steilste Stelle hinauf gezogen. Weitere Bergretter sind angekommen und können Ihr den Rucksack abnehmen.
Alexandra wird hinauf gezogen.
 
Für Anna muss das Seil wieder runter geworfen werden. Weil das Stahlseil des Klettersteigs aber nach links auf den Grat zieht verfängt sich das Bergseil bei einem lockeren Stein. Als wir versuchen das Seil frei zu bekommen löst sich dieser kopfgroße Stein und schlägt knapp neben uns ein.  Nochmal Glück gehabt. Ein ernsthaft Verletzter wäre jetzt gar nicht gut.
Bernd zieht auch Anna mit dem Seil über diese schwierige Stelle hinauf. Mittlerweile ist es dunkel geworden.
Anna und Bernd
Mikel beim Seilaufnehmen
 
Die beiden Frauen haben sich wieder erholt und kommen auch im Dunkeln auf dem Klettersteig gut voran.  Mikel, einer der beiden Spanier nimmt unser Bergseil wieder auf und wir steigen der ganzen Truppe nach.
im Abstieg vom Matraskopf
Bernd am Königsjodler
 
Eigentlich problemlos erreichen wir alle den Ausstieg des Königsjodlers und machen uns auf den Weg zum Matrashaus.
 
Nicht weit vorm Matrashaus stoßen wir auch noch auf einen der beiden der Resttruppe. Ich traue meinen Augen kaum, denn er ist vom markierten Weg abgewichen und hat sich mit seinem Klettersteig Set beim Blitzableiter eingehängt. Bernd bleibt mit ihm zurück und bringt ihn ins Matrashaus. Wer weiß was dem sonst noch einfällt.
Um elf Uhr sind endlich alle sicher in der Hütte angekommen. 
endlich am Matrashaus
 
Jeni hat unsere Heizkanone angeworfen und noch Suppe und Tee gekocht. Alle anderen Übernachtungsgäste sind schon im Bett.
Als dann gegen halb zwölf die Schnapsflaschen zu kreisen beginnen, bekommt die Gruppe meine unangenehme Seite zu spüren, und ich schicke alle ins Bett.
Wie ich von Stefan, er ist nicht nur Bergretter sondern auch der Wegewart fürs Birgkar, erfahren habe, traf er die Gruppe schon am gleichen  Tag auf dem Weg zum Königsjodler. Er hat ihnen eindringlich von einer Begehung abgeraten, aber sie ließen sich ja nicht abhalten.  Jetzt durfte er auch noch zu einer Rettungsaktion aufbrechen, obwohl er heute bei einer Hochzeit eingeladen gewesen wäre.  Wie die meisten anderen Bergretter übrigens auch.
Für die slowakische Gruppe war das alles ja kein Problem. Sie sind ja versichert!
 
Abflug mit dem Polizei Hubschrauber
 
„Am Sonntagmorgen wurden die Bergsteiger mit dem Hubschrauber ins Tal geflogen, teilte die Polizei mit.“
So lautet dann die Meldung des ORF Salzburg.
Der Polizei Hubschrauber und direkt darüber der Ausstieg des Klettersteigs
 
Seit der Bergungsaktion geht dem Spanier Eugenio seine teure Goretex Jacke ab. Da wird keine Versicherung bezahlen. Er hat halt Pech gehabt. Mit dem Hubschrauber durfte er auch nicht ins Tal fliegen, denn er ist ja kein Geretteter.
 
Für mich ist am besten ich denke da gar nicht zuviel drüber nach.
Und wer glaubt das sei ein Einzelfall, der täuscht sich.
 
Einen Tag vorher hat Bernd, der heute bei dieser Hilfsaktion viel riskiert hat, am Königsjodler einen Vater mit seinem Sohn überholt. Um halb vier Uhr nachmittags im ersten Drittel.  Die kamen dann erst spät abends am Matrashaus an. Sie hatten halt Glück, denn da kam kein Gewitter. Alles kein Problem.
Am gleichen Tag erzählt mir ein anderer ganz stolz, die Tafel der Bergrettung am Einstieg „nicht nach 11:00 Uhr einsteigen“ sei ein Blödsinn. Er ist erst um zwei Uhr eingestiegen und sei problemlos rauf gekommen.
Da braucht man gar nichts mehr sagen, denn der Erfolg gibt ihnen ja recht.
 
Und falls man halt keinen Erfolg hat gibt es ja noch die Bergrettung und die Versicherung!
Genau in dieser Reihenfolge.
 

 

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